Weiterbildungen Systemischer Kinderschutz
Systemischer Kinderschutz
Handlungskompetenz im Kinderschutz, veränderungsorientiert gedacht.
Für wen: Sozialpädagog:innen, Erzieher:innen, Lehrkräfte, Therapeut:innen, Fachkräfte aus Jugendämtern, Beratungsstellen und der Jugendhilfe.
1.860 €
seit 2020 unverändert; als anerkannter Bildungsanbieter von der Mehrwertsteuer befreit
- Umfang
- 4 Module à 3 Tage (Kurs 02: ohne Selbstlernaufgaben zwischen den Modulen)
- Zeiten
- Tag 1: 9:30–18:00 Uhr
Tag 2: 9:00–18:00 Uhr
Tag 3: 9:00–16:00 Uhr - Ort
- AKASA Seminarhaus, Neustadt/Weinstraße
- Zertifikat
- „Systemisch orientierte Kinderschutzfachkraft“ bei durchgängiger Teilnahme und schriftlicher Gefährdungseinschätzung
- Optional
- Zertifikat zur insoweit erfahrenen Fachkraft nach § 8a SGB VIII
- Praxiswerkzeug
- KWG-Check: Kindeswohlgefährdung digital einschätzen und dokumentieren
- Termine Kurs 02
- 31.08.–02.09.2026
09.–11.11.2026
01.–03.02.2027
12.–14.04.2027
Die Weiterbildung verbindet die rechtlichen Grundlagen des § 8a mit systemischer Haltung und Gesprächsführung und bereitet auf die Beratung als insoweit erfahrene Fachkraft vor. Informationen zur Zertifizierung: insofa.de.
Kurz erklärt: Was ist eine insoweit erfahrene Fachkraft? · Der Schutzauftrag nach § 8a
Voraussetzung: staatlich anerkannte Erzieher:innen mit drei Jahren Berufserfahrung und Erfahrung in Kinderschutzfällen, oder ein einschlägiger Hochschulabschluss (z. B. Soziale Arbeit, Psychologie) mit drei Jahren Berufserfahrung.

Aufbau der Weiterbildung
- Modul 1
Rechtliche Grundlagen und Gefährdungsmomente
- Entstehung und Ziel des § 8a SGB VIII, rechtlicher Hintergrund
- Rollen und Verantwortung: freie Träger, fallführende Fachkraft, insoweit erfahrene Fachkraft, Jugendamt
- Gefährdungsarten, Risiko- und Schutzfaktoren, gewichtige Anhaltspunkte – wann muss sofort gehandelt werden?
- Ablaufmöglichkeiten von „sich Sorgen machen“ bis zum Einschalten des Jugendamts: erkennen, beurteilen, besonnen handeln
- Informationsweitergabe und Datenschutz, eigene Sorgfaltspflichten, Dokumentation und Übergabepunkte
- Kindeswohlgefährdung in Einrichtungen und Vereinen, Netzwerke nutzen (Frühe Hilfen), Erfahrungen aus dem eigenen Arbeitsfeld
- Modul 2
Systemische Sicht von „Problemen“ und systemische Haltung
- Ressourcen und Netzwerke, der Sinn des „Problems“ und die Bedürfnisse dahinter
- Neutralität und Allparteilichkeit, Zirkularität
- Eltern handeln mit dem Besten, was sie können
- Loyalität und Generationskonflikte, Arbeit mit dem Genogramm
- Hoffnung, Zutrauen und Selbstwirksamkeit; Reframing – was könnte Ausdruck von Gewalt sein?
- Modul 3
Vertiefung: Problem- und Lösungsverhalten
- Problemverhalten, Lösungsverhalten und ihre Sinnhaftigkeit; Parentifizierung und Triangulation
- „Rückfälle“ als Dynamik erkennen, nicht als ausbleibende Veränderung
- Veränderungsorientierte und systemische Gesprächsführung bei Verdacht oder klaren Übergriffen – Kooperation mit Eltern herstellen
- Eigene Gefühle und Erwartungserwartungen, Selbstreflexion und Selbstfürsorge
- Beratungsmodelle im Team, Reflecting Team, Übungen mit eigenen Fällen
- Modul 4
Beratung Ratsuchender als InsoFa
- Aufgaben und Grenzen einer insoweit erfahrenen Fachkraft
- Beratungsmodelle
- Netzwerke (Frühe Hilfen) und interdisziplinäre Zusammenarbeit
- Gesprächsführungsmodelle als InsoFa – Übungen und Rollenspiele
- Aktives Üben von Beratungsanfragen
„Philipp, was ist dir in der InsoFa-Beratung wichtig?“
Die größte ethische Herausforderung in der InsoFa-Beratung ist oft nicht die Entscheidung selbst, sondern der Umgang mit Unsicherheit. Warum das so ist und welche Fragen helfen können, erklärt Philipp Wradatsch.
Praxisimpuls lesen
Eine Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft wirkt auf den ersten Blick machtfrei: Die InsoFa berät nur, die Fallverantwortung bleibt bei der anfragenden Stelle. Trotzdem hat ihre Einschätzung Gewicht. Ein Satz wie „Aus meiner Sicht liegt eine Gefährdung vor“ kann ein Verfahren in Gang setzen. Ein Satz wie „Das sehe ich noch nicht“ kann es beenden. Wer berät, gestaltet also Entscheidungen mit, auch ohne sie selbst zu treffen. Diese Macht anzuerkennen ist der erste ethische Schritt.
Die Ansteckungsgefahr
Fachkräfte kommen selten neutral in die Beratung. Sie bringen Sorge, Ärger, Erschöpfung oder Zuneigung zur Familie mit, und oft ein Bild, das sich über Wochen verfestigt hat. Diese Stimmung ist ansteckend. Ist die anfragende Person sehr alarmiert, geht die Aufregung leicht auf die Beratung über, und die Einschätzung wird dramatischer als die Fakten. Ist sie sehr beschwichtigend, kann auch die InsoFa beginnen, Anhaltspunkte kleinzureden. Systemisch gesprochen: Die Beratung droht die Dynamik des Familiensystems und des Helfersystems zu spiegeln, statt sie sichtbar zu machen.
Hilfreiche Fragen an dich als InsoFa:
- Welche Gefühle spüre ich gerade, und wessen Gefühle sind das eigentlich?
- Was weiß ich tatsächlich, und was ist Deutung, Vermutung oder Stimmung?
- Wessen Perspektive fehlt im Raum, die des Kindes, der Eltern, einer anderen Institution?
Wenn die Entscheidung schon feststeht
Manchmal kommt eine Fachkraft mit einer fertigen Entscheidung und braucht nur noch eine Bestätigung: „Wir müssen jetzt das Jugendamt informieren, oder?“ Oder umgekehrt: „Das ist doch noch keine Kindeswohlgefährdung?“ Die Beratung wird dann zur Absicherung, und die InsoFa zur Unterschrift unter einem bereits getroffenen Urteil. Das ist menschlich verständlich, denn Unsicherheit ist schwer auszuhalten. Es ist aber fachlich riskant. Wer nur noch Bestätigung sucht, sieht vor allem die Informationen, die zur eigenen Annahme passen.
Dein ethischer Auftrag ist hier nicht, die Entscheidung umzudrehen. Du sollst den Möglichkeitsraum wieder öffnen:
- „Angenommen, du würdest dich irren, woran würdest du das merken?“
- „Was spricht gegen deine Einschätzung?“
- „Welche Ressourcen der Familie haben wir noch nicht angeschaut?“
- „Was bräuchtest du, um auch eine andere Entscheidung vertreten zu können?“
Das gilt in beide Richtungen: Eine vorschnelle Meldung ist ebenso ein Risiko wie ein vorschnelles Entwarnen.
Haltung statt Urteil
Eine ethisch verantwortete InsoFa-Beratung zeigt sich weniger am Ergebnis als am Prozess. Gemeint ist ein Prozess, der unterschiedliche Sichtweisen zulässt, Fakten von Deutungen trennt, das Kind im Mittelpunkt hält und die anfragende Fachkraft in ihrer Verantwortung stärkt, statt sie ihr abzunehmen. Die InsoFa ist am wertvollsten, wenn sie nicht das letzte Wort hat, sondern die bessere Frage stellt.
Zum Mitnehmen in die nächste Beratung: Bevor du eine Einschätzung abgibst, frage dich: Berate ich gerade den Fall, oder die Angst im Raum?
Genau diese Haltung üben wir in Modul 4 der Weiterbildung. Was eine InsoFa ist, kurz erklärt.